Werke Installation

Verneigung vor der Leere

Lichtinstallation für vfakr Verein für aktuelle Kunst Ruhr, Oberhausen


  • Kinetische Lichtinstallation
    Aluminium-Rechteckrohr, LED Band, Seilwinde, Stahlseil
    750 x 750 cm
    2026

Vfak Verein für aktuelle Kunst / Ruhrgebiet

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Für seine Ausstellungen nutzt der Verein für aktuelle Kunst/Ruhrgebiet eine ehemalige Werkhalle. Die Dachkonstruktion, durch die großflächig Licht in das weiträumige Innere fällt, bildet einen markanten Blickfang. Metallträger unter Glasscheiben zeigen sich als funktionale Elemente und lineare Struktur mit grafischem Reiz. Sie können als Bekenntnis zu einer sachlichen Architektursprache verstanden werden. Die daraus ablesbare modernistische
Ästhetik spiegelt das Konzept des Vereins wider. Das konstruktive Formprinzip verweist auf Konkrete Kunst als Programmschwerpunkt des Oberhausener Vereins.

  • Martin Voßwinkel schließt mit seiner Installation „Verneigung vor der Leere“ an die architektonische Situation an. Eine Seite eines quadratischen Lichtbands (7,50 x 7,50 m) wird an Querholmen der Dachträger mit zwei Scharnieren befestigt, so dass es beweglich ist. Eine Seilwinde hebt den vorderen Teil des Quadrats langsam hoch, bis es waagerecht im Raum hängt. Nach einer kurzen Pause wird es ganz herabgelassen, bis es den Boden berührt. Dieser Vorgang wiederholt sich kontinuierlich. Voßwinkel fügt der statischen Strenge der geometrisch, konstruktiv auftretenden Bauhülle eine kinetische Komponente hinzu. Allgemeiner und grundsätzlicher gefasst: Zum Raum kommt die Zeit.
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  • Die Bewegung des Quadrats verändert permanent die geometrischen Beziehungen im Raum. Aus der frontalen Perspektive verzerrt es sich scheinbar zu einem Trapez oder einer dynamischen Schräge, obwohl die Form selbst starr bleibt. Voßwinkel thematisierte dies bereits in seiner Serie „Flying squares“. Die Arbeit steht exemplarisch für Voßwinkels Konzept. Der Künstler trägt Quadrate in Innen- und Außenräume, häufig als bewegte und bewegliche (Fremd-)Körper, und lässt Ort und Objekt interagieren. Die klaren Linien des Lichtquadrats treten in der Oberhausener Raumarbeit in einen direkten konstruktiven Dialog mit der Dachkonstruktion. Im Zusammenspiel mit und
    in Ablösung von gegebener Architektur erschafft der Künstler neue Räume in verschiedenen Wahrnehmungs- und Verständniskontexten. Funktionale Bauweise trifft auf rationale Kunst. Industriegeschichte tritt in einen Dialog
    mit aktueller Formensprache. Installation als maßgebliches zeitgenössisches Medium zeitgenössischer Kunst erschließt den Ortscharakter und entfaltet Objekteigenschaften.
    Der künstlerische Eingriff verwandelt die vorgefundene Werkhalle in einen ästhetischen Raum. Er folgt damit der Umwidmung der Industriestätte zu einem Ausstellungsort. Regeln und Kriterien verschieben sich. Die Wirklichkeit der Arbeitswelt klingt nach. Sie wird nicht ausgeblendet, sondern spricht in einer Kunst mit, die zwar konkret ihre bildlichen Mittel von Darstellung und Repräsentation befreit, die aber
    dennoch strukturelle Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Realitäten und den Blicken darauf markiert. Das Quadrat selbst leuchtet, beleuchtet einen leeren Raum und schafft durch seine Lichtkontur wieder einen neuen Raum, durch den der dahinter liegende Raum verwandelt wahrgenommen wird. Die Mitwirkung des Lichts in den Raum hinein und aus dem Objekt heraus ist der skulpturalen Aktion als zentraler Aspekt eingeschrieben.
    Der Titel spricht an, dass mit dem physikalischen Vorgang zwischen Schwerkraft und mechanischem Hub eine körperliche Gestik assoziiert werden kann. Aber wer verneigt sich vor der Leere? Was ist die Leere? Für was steht sie? Was bewirkt sie? Welchen Stellenwert hat sie in dem
    gegebenen Raum? Welchen Rang, welche Bedeutung bekommt sie im künstlerischen Kontext? Hier dürfte nicht eine Leere als pure Inhaltslosigkeit und als Ereignisvakuum gemeint sein. Vielmehr ist von einer erfüllten Leere
    auszugehen, bei der Raum als einer Räumung zu verstehen ist, die erst Bedingungen für eine Ansiedlung von physischen Körpern und psychischem Geschehen schafft.

  • Schließlich eröffnet sich noch ein weiterer künstlerischer Grundaspekt, der die konzeptuellen und konkreten Anteile von Voßwinkels Denken und formaler Strategie erkennbar macht: Das Quadrat steckt einen Rahmen ab. Die Rahmung lässt sich als Strategie begreifen, den Fluss der Zeit und der Ereignisse anzuhalten, einzugrenzen und damit einem gedehnten, fühlend denkenden Blick zugänglich zu machen. Das Wahrgenommene kann dem eigenen menschlichen Maß angeglichen, eine Vermessung von Raum und Zeit und der Aktionen und Agierenden in beiden Dimensionen aus einem gegebenen Moment heraus eingeleitet werden? Zugleich aber lassen sich die daraus abgeleiteten Sachverhalte, Verhalten und Verhältnisse in ihrem Zeitbezug, ihrem Prozesscharakter, ihrer Energie und Dynamik wieder öffnen. Da ein Lichtband in Voßwinkels Installation den Rahmen steckt kann der Umstand der Erhellung in Gestalt einer geometrischen, also vermessenden Grundform auch als Klärung oder Aufklärung verstanden werden, als Fenster, Display und Spiegel. Durch Begrenzung und Formatierung wird der Weg für Wahrnehmung und Verstehen geebnet - das Potential von Kunst.
    (Rainer Beßling)






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