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Lichtspeicher
erschienen 2003 anlässlich einer Einzelausstellung im

Kunstmuseum Erlangen
Dülmener Kunstverein e.V.
Kunstverein Rotenburg Wümme

Vorwort: Katerina Vatsella

50 Seiten
31 farbige Abbildungen
Fotos: Uwe Fricke, Heiko Preller
Auflage: 1000
2003
ISBN-nr.: 3-9805434-5-5

 

LICHTSPEICHER

Martin Voßwinkel beschäftigt sich mit der Farbe als physisch-greifbares Material genauso wie mit ihrer immateriellen Wirkung und ihrem Einsatz als Kompositionselement im Bild. Die Leuchtkraft der Farbe hat dabei immer schon eine wichtige Rolle in seinem Schaffen gespielt. "Lichtspeicher" - eigentlich lässt sich Licht gar nicht speichern. Die Wärme schon, aber Licht? Gerade dieses Phänomen bildet jedoch heute einen Schwerpunkt in der Forschung und was heute abwegig klingt scheint in nicht allzu weit entfernter Zukunft doch möglich zu sein. Die Idee eines Lichtspeichers fasziniert Martin Voßwinkel und inspiriert ihn zu Bildern, in denen Farbe und Licht, Kolorit und Leuchtkraft bildimmanent zu sein scheinen.

Lange Zeit hat er früher Farbpigmente selbst gesucht und sie mit Acrylbinder als Malmedium eingesetzt. In zunächst monochromen, zurückhaltenden Bildern mischte er auch Sand und Erde und experimentierte mit Chlorophyl und Holunder als Färbesubstanzen. Mitte der 90er Jahre entdeckte er den Lehm als Gestaltungsmittel für sich - er mischte Pigmente darunter und begann, kleine farbige Lehmkugeln über das Papier zu rollen. Unter dem Druck seiner Hand hinterließen sie ihre farbige Spur so lange, bis sie schließlich verbraucht waren. Die damit verbundene Bewegung war zunächst unregelmäßig, chaotisch, wurde aber allmählich fließender und geschwungener.

So geschaffene, lange, schmale, horizontal angelegte Papierbahnen, die von ca. 2 cm breiten farbigen Linien durchzogen werden, nennt Martin Vosswinkel "Rollfelder". Über hellem oder dunkelblauem Grund und über den Bildrand hinweg gezogen, erscheinen sie wie farbige Lichtspuren regelmäßiger Sonnen- oder Sternenbahnen ferner Galaxien. Trotz ihrer Zartheit und Fragilität evozieren diese farbige Linien aber auch etwas Körperliches, indem in ihrem manchmal verhaltenen, manchmal ausladenden Schwung die Armbewegung des Künstlers nachvollziehbar wird. In anderen "Rollfeldern", wiederum, manchmal auch "Vernetzungen" betitelt, wird das Bildfeld durch ein dichtes Linien bzw. Bändernetz regelrecht zugeflochten. Diese Farbbänder verlaufen dabei weniger in offenen Bahnen, sondern bilden vielmehr dichte, in sich geschlossene Strukturen, die manchmal kantig gebogen und verwickelt in vielen Schichten übereinander aufgetragen werden.

Martin Voßwinkel bezeichnet diese Bilder, die zwei unterschiedlichen Gestaltungsansätzen folgen, jeweils als offene oder als geschlossene Systeme. Bezeichnend für offene Systeme ist ihre Ausschnitthaftigkeit: das Bild wirkt wie ein Fenster, das den Blick auf einen Teil eines größeren Ganzen frei gibt, das man nicht überblicken kann. Das Gefühl in eine makroskopische Welt zu blicken, wie die des Himmelszeltes, wechselt sich mit dem Eindruck ab, mikroskopisch stark vergrößerte Strukturen vor sich zu haben.

In den geschlossenen Systemen wiederum bleibt die Linie im Bildgeviert. Sie wird gebogen und geknickt und in Richtung Bildmitte zurückgeführt, sobald sie in die Nähe des Bildrandes kommt. So wächst ein dichtes Netz von Linien, bis schließlich manchmal das Gefühl eines fast kompakten Farbenkörpers entsteht. Gleichzeitig wird beim Betrachten dieser Bilder und dem Versuch, dem Verlauf der Bahnen optisch zu folgen, die Dauer des Arbeitsprozesses und somit eine Zeitqualität deutlich und nachvollziehbar.

Oft bildet kein Papier sondern eine Acrylplatte den Grund der Bilder. Um die Farbwirkung zu intensivieren, legt Martin Vosswinkel manchmal zwei oder drei, beidseitig bemalte Acrylplatten übereinander. Andererseits nutzt er die Transparenz des Materials und zeichnet auf Acrylplatten reduzierte, zarte Streifen. Sie werden mit einem kleinen Abstand von der Wand präsentiert sodass deren Schattenwurf darauf ein genauso bildkonstituierendes Element ist, wie die Streifen selbst.

Martin Vosswinkel experimentiert gerne und sucht immer wieder nach neuen Möglichkeiten der Umsetzung seiner Bildvorstellungen. Wenn er früher mit den Lehmkugeln organisch geflochtene Bänder auf die Bildoberfläche setzte, so trägt er später die Farbe mit unterschiedlich breiten Schaumstoffrollen auf. Manchmal lässt er seine Arbeiten stark räumlich werden, indem er, in einer Verbindung von Gestaltung und Dokumentation des Arbeitsprozesses, in einigen Arbeiten collageartig Schaumstoff oder andere Teile von Gerätschaften integriert, die er zur Bildherstellung verwendet. Einige "Rollen-Bilder" sind so entstanden, "Farbmühlen" betitelt. Dabei fixiert er mehrere mit Farbe getränkte Schaumstoffrollen in Reihen neben- und übereinander und setzt sie in einen Holzkasten. Eine ähnlich räumliche Struktur gestaltet er durch Luftpolsterrechtecke von Verpackungsfolie. Anders als die kompakten Rollenbilder, wirken diese jeweils in einer Grundfarbe gehaltenen Bildobjekte durch ihr transparentes Material luftig und leicht.

Diese neueren Bilder werden durch ein gewisses Gleichmaß und eine ruhigere, ausgewogene Erscheinung gekennzeichnet. Die Linien bilden kein unübersichtliches Geflecht mehr, sondern orientieren sich nach den Bildrändern. Dabei entstehen mehr oder weniger breite, rhythmische Gitterfelder, die sich mit unterschiedlich breiten Farbflächen abwechseln und ein Gleichgewicht zwischen kleinteiliger Struktur und ruhiger Fläche herzustellen suchen. Diese "leeren" Farbflächen sind meist sehr stark aufgehellt. Nur scheinbar monochrom, sind sie aus mehreren transparenten Farbschichten aufgebaut. Durch mehrfaches Abrollen und Übereinanderlagern solcher Schichten entsteht ein Farbfeld, das bei längerem Hinsehen in sich zu schwingen und zu pulsieren beginnt - es wird so zu einem dichten Lichtraum, einem bildnerischen Lichtspeicher.

Solche hochformatige, in unterschiedlich breiten horizontalen Feldern gegliederte Bilder, gestaltete er zunächst eher kleinformatig auf Papier und in jüngster Zeit in größeren Dimensionen mit Acryl auf Hartschaumplatte. Parallel dazu entstehen aber auch weiterhin einfache geometrische Formen, wie schlichte farbige Quadrate als schwebende Mittelpunkte einer harmonischen Reihe in sich ruhender, quadratischer Bilder. Auf Acrylglas beidseitig gemalt und mit Abstand von der Wand gehängt wirken sie wie stille, zurückhaltende Licht- und Farbspeicher, während in den oben genannten Gitter- und Farbfeldern die Farbe meist leuchtend intensiv in den Raum hinaus drängt.

Martin Voßwinkels Farbpalette hat sich im Laufe der Zeit verändert, anders als früher tauchen nun häufig Pastelltöne in ansprechenden Farbklängen auf. Intuitiv geschaffen und doch methodisch entwickelt, gestalten sich auch seine neuesten Bilder im Spannungsfeld zwischen Struktur und Fläche, zwischen Verdichtung und Leere, zwischen Farbe und Licht.

Katerina Vatsella